Max G. Bailly
gestorben am 07.08.2025
Max G. Bailly arbeitete zyklisch. In Wellenbewegungen entsteht ein Oeuvre, das feinste seismische Schwingungen registriert. Malerei, Zeichnung, Collage, Ritztechniken, Kartonschichtungen, Materialbilder: die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten führen den Künstler, begleiteten ihn in eine hintergründige Welt gewichtiger Symbole oder leichter Poesien.
Immer aber ist in dieser Vielfalt die enge Verbundenheit des Künstlers mit der Natur, der Schöpfung zu erspüren. Ernst Walden, M.A.
Max G. Bailly war Freier Künstler und Kursleiter in künstlerischen Selbsterfahrungsgruppen. Er war mit Lehraufträgen 25 Jahre an der freien Kunsthochschule und 13 Jahre an der Fachhochschule für Kunsttherapie, beide in Nürtingen, tätig. Nach der Lehrtätigkeit hat er sich intensiv mit der Entwicklung von Kurskonzepten für das Erschließen kreativer Potentiale beschäftigt. (Veröffentlicht in dem Büchern „Sinnspiel Kunst I+II“). In über 80 Einzelausstellungen hat er sein künstlerisches Werk vorgestellt.
Er war seit über 25 Jahren Schüler bei dem Zen Meister Willigis Jäger und leitete eine Gruppe für gegenstandsfreie Meditation. In seinen Kursen und Workshops vermittelte er auf sehr spielerische Weise, dass jeder Mensch ein kreatives Wesen ist und dass ein „sich-öffnen” zur (eigenen) Mitte hin und ein Schöpfen aus dieser Mitte den Alltag in tiefer Weise verändern und neu beleben kann.
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Auszüge aus der Nürtinger Zeitung: „Die Landschaft ist die Kraft und der Lehrmeister“
Max G. Bailly und seine Kunst – Heimat Unterensingen
Wer an einem sonnigen Tag mit offenen Augen durch Unterensingen spaziert, hat den Eindruck von etwas Lichtem und Spielerischem; wer sich Gedanken über den Grund dafür macht, dessen Blick verweilt unweigerlich an – Bushaltestellen, sechs an der Zahl. Sie sind künstlerisch gestaltet. Die Kunst ist mit dem Alltag handelseinig geworden. Urheber des ungewöhnlichen Zusammenspiels ist Max G. Bailly. Der Künstler hat keine Berührungsängste. Kunst kann es nicht genug geben, schon gar nicht, wenn es darum geht, den Alltag zu beleben und ihm Glanzlichter aufzusetzen.
Vor zwölf Jahren hat der Künstler in der Unterensinger Hofgasse ein altes Bauernhaus erworben und für seine Zwecke umgebaut, meist eigenhändig; für ihn als Mann, der aus der Praxis kommt, nicht mit unlösbaren Schwierigkeiten verbunden. … Heute ist das Gebäude, das weithin in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten geblieben ist, ein Haus voller Kunst. Bilder an den Wänden, Bilder in Arbeit, in langen Reihen Bilder im Magazin. Die Landschaft und die Literatur sind ihm die Kraft und die großen Lehrmeister. …
Musikliebhaber wissen es: Max G. Bailly spielt nicht nur die Violine im Nürtinger Kammerorchester, er hat auch schon sechs „Konzerte in der Scheune“ veranstaltet. …
„Die Kunst will nicht das Sichtbare zeigen, sondern etwas sichtbar machen.“ Diese Maxime von Paul Klee, einem der Großen, betrachtet der Unterensinger Künstler als das Fundament auch des eigenen Werkes. Auch er, gesteht er, stehe manchmal ratlos vor einem Exponat. Aber die Erfahrung hat ihn Vorsicht vor vorschnellen Urteilen gelehrt. Manches leuchte erst ein, wenn man sich über die Entwicklung des Künstlers informiert habe. „Nicht gleich werten, sondern hinschauen und etwas auf sich wirken lassen.“ Die Toleranz ist ihm ein wichtiges Wort. Seinen Studenten will er zu einem Fundament für eine eigene künstlerische Entwicklung verhelfen. Fleiß, Disziplin und Ausdauer ist nach seiner Überzeugung in der Kunst so wichtig wie überall im Leben.
Auszüge aus der Stuttgarter Zeitung vom 18. März 1998: „Bekenntnis zu Paul Klee“
Max-G.-Bailly-Retrospektive in Nürtingen
Die Stadt Nürtingen ehrt Bailly, der an der Freien Kunsthochschule, die er mitaufgebaut hat, und an der Fachhochschule für Kunsttherapie lehrt, nun in einer großen Retrospektive.
Im Obergeschoss der Kreuzkirche sind seine Werke des ersten Schaffensjahrzehnts bis etwa 1983 zu sehen. Die Anfänge sind noch geprägt von seiner architektonischen Herkunft: feingezeichnete Kulissen in streng geometrischer Formgebung. Eine Reise nach Griechenland läutet daraufhin eine neue Werkphase ein. Bailly entdeckt das Materialbild für sich. Ganze Serien weißer Insellandschaften entstehen durch Verwerfungen und Öffnungen der Leinwand, die den Horizont bilden.
Anfang der achtziger Jahre ist ein weiterer Wandel in der Reliefstruktur festzustellen, die sich immer stärker ausprägt: Karton ist der neue Werkstoff, den Bailly in Schichten übereinanderklebt, die, verwitterten Gesteinsschichten gleich, in Abblätterungen aufbrechen. Parallel dazu entdeckt Bailly auch das Feld der Plastik über sogenannte Brandobjekte. In der persönlichen Auseinandersetzung mit den Geschehnissen des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs wird das Medium Feuer zu einer wichtigen Thematik seiner Arbeiten.
Bis Anfang der neunziger Jahre wendet Bailly auch dem Materialbild große Aufmerksamkeit zu. Fundstücke wie verrostetes Bleck, Schnur, Federn oder kleine Zweige verarbeitet er zu Mustern oder Landschaften, die nicht abbilden, sondern über die Realität der Dinge hinausweisen.
Ein großformatiges Triptychon in mystisch leuchtenden Farbtönen, in dem sich Bailly ausnahmsweise als Maler präsentiert, bündelt kaleidoskopartig die wesentlichen Konstanten seines Kunstschaffens. Grundlage dieses Werks war eine Begegnung mit Felix Klee, dem Sohn Paul Klees, mit dem Bailly intensive Gespräche über dessen Vater und seine Kunstphilosophie führte, der er sich eng verbunden fühlt.
Astrid Schlupp-Melchinger
Auszüge aus der Nürtinger Zeitung vom 8. März 1998 (aw)
„Ich will immer alles von zwei Seiten sehen“
Gestern wurde im Rathaus eine Retrospektive mit Werken von Max G. Bailly von OB Alfred Bachofer eröffnet – Rund 100 Exponate
Die Retrospektive „Weg-Zeichen“ stellt einen Rückblick auf die vergangenen 25 Jahre künstlerischen Arbeitens von Max G. Bailly dar. Um ein Vierteljahrhundert der Kreativität eines Mannes vom Schlage Baillys darzustellen, wurden von den Verantwortlichen die erstaunliche Menge von rund 100 Exponaten zusammengetragen.
Und so hätten ihm die Nürtinger auch längst den Umzug nach Unterensingen verziehen, wie Nürtingens Oberbürgermeister Alfred Bachofer schmunzelnd bei der Eröffnung der Retrospektive gestern in der überaus gut besuchten Glashalle des Nürtinger Rathauses bemerkte. Bailly sei schließlich ein Künstler, der immer seine Heimat mitgestalten wolle, er-leben wolle. Dabei, so der Oberbürgermeister, sei der Künstler ein stiller Mensch, der immer etwas zu sagen habe. Bachofer: „Max G. Bailly ist bescheiden, aber unübersehbar.“ … „Die Nürtinger sind stolz, Max. G. Bailly einen der ihren nennen zu können.“
Waiblinger Kreiszeitung vom 2. März 2004
Herzraserei der Haselmaus kontra Elefantentrott
Ausstellung mit den Werken des Malers und Kunsttherapeuten Max G. Bailly im Rathaus Beutelsbach
Das Herz einer Haselmaus schlägt in den zwei Jahren ihrer durchschnittlichen Lebenszeit genauso oft wie das eines Elefanten in den etwa 75 Jahren, die dieser zu leben hat. Etwa gleich verhält es sich mit der Atmung der beiden possierlichen Tierchen. Wer also lebt länger?, und: Was ist Zeit? mag man sich angesichts dieser Fakten fragen.
Max G. Bailly, freischaffender Künstler und Dozent an der Freien Kunstschule Nürtingen sowie ehemals an der Fachhochschule für Kunsttherapie in Nürtingen, geht mit seinen Werken dem Phänomen Zeit auf die Spur. Seine Bilder sind der Versuch, das Unfassbare fassbar zu machen, oder, um mit Klee zu sprechen: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sonder macht sichtbar.“ Inwieweit Bailly das mit seinen Kunstwerken gelungen ist, davon konnte man sich jetzt bei der Vernissage im Beutelsbacher Rathaus selbst ein Bild machen.
Deutlich erkennbar zieht sich durch die mittlerweile 30-jährige Schaffensperiode des Künstlers ein biografisches Auf und Ab: Krisen und Hochzeiten bestimmten Schaffensphasen und ließen Werkgruppen entstehen, die als Ganzes – als Opus – gesehen werden sollten. Zeichnung, Malerei und Materialbilder sind die drei wesentlichen Formen seines künstlerischen Ausdrucks, die er weniger in breiter Modifikation als in detaillierter Variation für sich nutzt.
Zeit dient Max G. Bailly also als wesentliches Element seiner gesamten, übergeordneten Werkgliederung, aber auch in den Bildern selbst ist das Thema Zeit immer wieder zu erspüren: In seinen Materialbildern etwa stoßen wir auf Schichtungen aus Karton, Papier und Stoff, die in ihrer Flächigkeit und zugleich ihrer Tiefe an Zeitstrukturen gemahnen. Zeit fungiert bei Bailly noch dazu als Tempoform: Um die „Vibration des malenden Pinsels zu leben“, erging er sich zeitweise in einem pausenlosen Malen ohne Absetzen des Pinsels, das allein aus der Geschwindigkeit und der Bewegung heraus lebte.
Aber auch Ruhe und Meditation findet man in den Werken von Bailly. Dichtungen von großen Mystikern sind in seine Ver-Dichtungen eingearbeitet, die gleich seismografischen Schwingen – oder auch als bedrucktes Stück Papier – mit in seine teils sehr farbenfrohen Bildern eingearbeitet sind. Seine Materialbilder spiegeln unter anderem auch seine Liebe zur Natur und zum Organischen wieder: Federn und Blätter etwa ergeben Strukturen und Räume, die das Gesamtwerk abrunden zu einem „Sinn-Spiel“ (Kurt Leonhard) aus Kunst einerseits und Leben andererseits.
Max G. Bailly, der an der Wiesbadener Werkkunstschule – einem Ausläufer des Bauhauses – studiert hat und nun in Unterensingen lebt und arbeitet, hat längst seinen Weg gefunden, und: Er ist sich „der eigenen Größe bewusst geworden, aber der angemessenen“. Er selbst versteht seine Bilder als Partituren und Notationen des Lebens, durch die ein Bildklang übermittelt werden soll.
So passte es gut, dass abrundend zu Max G. Baillys abstrakten Bildern Friedemann Dähn abstrakte Klangbilder auf seinem Cello „malte“, ganz in akustischem Weiß, Rot und Blau gehalten – hat doch dem Cellisten zufolge jede Farbe ihren ganz eigenen Klang.
So schlägt unser aller Herz – wie schnell auch immer – weiter für die Kunst, wie auch Oberbürgermeister Jürgen Oswald in seiner Ansprache nicht müde wurde zu betonen, denn „Kunst ist nicht die Sahne auf dem Kuchen, sondern die Hefe im Teig“. Möge sich auch die Haselmaus daran laben.
Andrea Jenewein
VITA
1936 in Frankfurt/Main geboren
Kriegszeit in Frankfurt/M und in Wernigerode/Harz
Humanistisches Gymnasium in Frankfurt/M
Tischlerlehre
1959 – 1963 Studium an der Wiesbadener Werkkunstschule
(heute Hochschule für Gestaltung)
Staatliches Abschlußexamen in Entwurf und Gestaltung
Aufenthalt in Island, 9 Monate Tätigkeit in Schweden
1960 Erneute Skandinavienreise
1962 Griechenlandaufenthalt
Verschiedene Gestalterische Tätigkeiten
1964 Übersiedlung nach Stuttgart
ab 1965 Arbeit bei den Architekten Manfred Lehmbruck und Wolfgang Henning in Stuttgart
Freischaffend in Entwurf und Gestaltung
Längere Kunstreisen nach Frankreich, Italien, Spanien
Ehe mit Ellen Ihrig, eine Tochter
seit 1972 Intensivierung der künstlerischen Arbeit
1973 2 monatige Reise durch die USA.
Beginn der Ausstellungstätigkeit, Mitglied im VBKW
1975 Übersiedlung nach Nürtingen
Gründungsmitglied und Mitaufbau der Freien Kunsthochschule Nürtingen (FKN)
1976 – 2002 Dozent für die Grundbereiche an der FKN
Ehe mit Kristina Krespach, Sohn, Tochter, Sohn
1977 – 1987 Lehrauftrag für künstlerische Grundausbildung an der FH Nürtingen, Fachbereich Landespflege
1981 Studienreise nach Malta
1983 Studienreise nach Ägypten
1986 Übersiedlung nach Unterensingen
Kauf und Umbau eines Bauernhauses, dort Atelier, „Kunstraum im Stall“ mit Ausstellungen regionaler Künstler, ebenfalls dort: Konzertreihe „Konzert in der Scheune“
1988 – 2002 Lehrauftrag an der staatlich anerkannten Fachhochschule für Kunsttherapie in Nürtingen, Grundausbildung, künstlerische Selbsterfahrung
seit 1972 über hundert Einzel- und Gruppenausstellungen im regionalen und überregionalen Bereich. Öffentliche Ankäufe
Seit 1975 intensive Beschäftigung mit verschiedenen Wegen der Selbstfindung (u.a.: langjährige Zen-Praxis bei W. Jäger; holotropes Atmen (S.Grof); sakraler Tanz; musiktherapeutische Seminare; Hospiz-Arbeit).
Als Kursleiter in Workshops und Seminaren zur künstlerischen Selbsterfahrung seit vielen Jahren Begleiter neugieriger und suchender Menschen.
2010 Veröffentlichung des Buches „Sinnspiel Kunst“, Verlag und Galerie für Kunst und Kunsttherapie, Nürtingen
Zitat:
Seit vielen Jahren verfolgt Max G. Bailly verschiedene Wege der Selbstfindung (u.a. langjährige Zen-Praxis bei Willigis Jäger). Als Kursleiter in künstlerischen Selbsterfahrungsgruppen hat er vielfältige Erfahrung sammeln können um Neugierige und Suchende auf dem Weg zu ihren kreativen Kräften zu begleiten. Er sieht die Kunst als das „Sinnspiel des Lebens” und vermittelt in seinen Kursen und Workshops auf spielerische Weise, dass ein „Sich-Öffnen” zur (eigenen) Mitte hin und ein Schöpfen aus dieser Mitte den Alltag in tiefer Weise verändern und neu beleben kann. „Jeder Mensch hat ein großes schöpferisches Potential in sich und ist angesprochen, neue Wege zu beschreiten um an diese Quelle zu gelangen.“
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